Das ungehorsame Mädchen
Im Moment klingt hier alles etwas paranoid: Der Wäschetrockner-Reparierer, der mich in den Wahnsinn treiben will, mein seltsamer Arzt, der seit zwei Monaten erfolglos an meinem Bandscheibenvorfall herummedikamentiert…
Aber auch, wenn mich meine Leser wahrscheinlich langsam in die Klapse einliefern möchten, so muß ich doch die Geschichte meines letzten Arztbesuches noch loswerden.
Kurzabriß der letzten Wochen:
- Rückenschmerzen seit Anfang September
- Bandscheibenvorfall diagnostiziert Anfang Oktober
- seitdem mit Entzündungshemmern (Tabletten) und tw. Spritzen therapiert
- mehrmals erfolgreich gegen Kortisongabe gewehrt
Meine Arzttermine sind nunmehr zweiwöchentlich und finden nur noch statt, um das Rezept für die Entzündungshemmer zu verlängern und meinem Arzt zu erzählen, daß sich nichts verändert hat: Keine Schmerzen, aber tauber linker Arm mit Tabletten, Schmerzen am Rücken und tauber linker Arm ohne Tabletten.
Am Donnerstag hatte ich wieder so einen Termin und erzähle, wie es so ist.
Doc: Na, dann wollen wir mal richtig loslegen!
Towanda: ???
Doc: Halbwegs gute Venen haben Sie ja, oder? [beguckt sich meinen Arm]
Towanda: [Hey, als der liebe Gott die Pigmente verteilt hat, war ich grad eine rauchen: Meine Venen sieht man daher so deutlich, da träumt der Doc Hagen für seine Körperwelten-Ausstellung von… Aber warum die Frage?] Wie — richtig loslegen?
Doc: Infusionen. [macht sich schon wieder auf den Weg nach draußen]
Towanda: Aha… und womit?
Doc: Frau Soundso draußen macht Ihnen alles dafür fertig.
An der Rezeption bekomme ich einen Schwung Rezepte. Davon ein grünes Rezept, also Selbstzahler. Die Sprechstundenhilfe erklärt mir akribisch, wie ich die eine Sorte Tabletten einnehmen soll, die darauf stehen.
Der Rest ist für die Infusionen, die ab nächster Woche starten sollen.
Neugierig frage ich nach, was das denn alles sei. Die Gelegenheit ist günstig: Ich bin die letzte Patientin, und gerade kommt der Doc um die Ecke, um die Rezepte abzuzeichnen. Um ein Kortisonpräparat würde es sich dabei handeln, gab er an.
Ich schlucke etwas, schließlich hatte ich ihm schon mehrfach klargemacht, daß ich Kortison eigentlich nicht haben möchte (nicht aus eigener Erfahrung, aber eine Freundin hatte die ganze Bandbreite an Nebenwirkungen zelebriert).
Das sei ein synthetisches Präparat, das würde allgemein ganz gut vertragen, erklärte der Doc, der inzwischen seine Unterschriften geleistet hatte und schon halb auf dem Weg war.
Wie das denn generell sei mit den Infusionen, warf ich ihm noch hinterher. Ob ich irgendwas beachten müsse, wie sei es mit Autofahren und überhaupt.
Das sei kein Problem, und die Termine solle ich mit der Sprechstundenhilfe abklären.
Und weg war er.
Da stand ich nun, recht verdutzt, mit einem Termin für Mittwoch und meinen Rezepten in der Hand. Darunter das Selbstzahlerrezept (etwa 60 Euronen) für Vitamin-B-Gabe per Infusion. Zum Aufbau der Nerven.
Aber keinen Deut klüger.
Auf dem Weg zum Auto packte mich die Wut über diese ganze Aktion. Nach diesem Termin diese Woche war ich komplett auf Krawall gebürstet, und jede Faser meines Körpers schrie: NEIN, ich will das nicht.
Ich meine, hey, verdammte Scheiße nochmal: Wenn ein Arzt nach zwei Monaten die Therapie radikal ändert, verlange ich etwas mehr Erklärung als dieses Abfertigen zwischen Tür und Angel. Vor allem, wenn er sich für einen Wirkstoff entscheidet, dem ich skeptisch gegenüber stehe (was er aus mehreren Gesprächen inzwischen wissen sollte).
Ich bin nicht die Generation meiner Großmutter, die stillschweigend und obrigkeitsgläubig absegnet, was der Herr Doktor so empfiehlt, weil der Herr Doktor hat ja studiert, und der muß es ja wissen.
Es ist nicht so, daß ich sein Wissen anzweifele. Ich bin auch keine Bachblütlerin oder Anhängerin von tibetanischen Klangschalen. Ich glaube nicht an die magische Heilkraft von Wundersteinen, und ich vertraue niemandem, der Fleischwunden wegbeten oder besingen möchte.
Nein, die Schulmedizin mag ihre Berechtigung haben, und ich lehne keineswegs irgendwelche traditionellen Medikamente kategorisch ab. Aber ich will wissen, was da wie in mich reingepumpt wird und zu welchem Zweck.
Und in diesem Fall braucht mir keiner kommen mit dem Kosten- und Zeitdruck der Ärzte, die soundsoviel Patienten durchschleusen müssen, um zu überleben: Das Wartezimmer war leer, ich war die letzte Patientin. In fünf Minuten kann man da viel erklären und muß das nicht auf die Sprechstundenhilfe abschieben.
Überhaupt: Diese blödsinnige Formulierung aus dem Absatz von oben: “Ich habe mich gegen erfolgreich gegen Kortisongabe gewehrt” — Was ist das denn? Als müßte ich mich gegen eine Instanz zur Wehr setzen, die ich selbst eingeschaltet habe…
Nach einer Nacht Drüberschlafen und ein paar Telephonaten weiß ich inzwischen: Den Termin am Mittwoch werde ich wahrnehmen.
Da werde ich um meine CT-Bilder bitten und mir einen anderen Arzt suchen. Keinen Halbgott in Weiß. Sondern jemanden, der mich meinen Genesungsprozeß mitgestalten läßt. Der mir erklärt, wo was im Argen liegt bei mir und wie er es anpacken will. Wo ich aktiv zur Lösung meines Problems beitragen kann, weil ich meinen Körper 24/7 kenne. Und nicht mit Expertenwissen niedergebügelt zu werden.
Dieses Gefühl der Hilflosigkeit, nicht zu wissen, was mein Körper gerade passiert und was während der Therapie abläuft, habe ich lange genug gehabt.