Towandas Turbulenzen

Bau, Macs und der ganze Rest


Towanda und die Kirche

Kategorie: der ganze rest — towanda am Mittwoch, 5. Oktober 2005

Viele Gedanken hatte ich beim Lesen dieses Eintrags von Anke Gröner. Ich verstehe ihren Schritt, wieder in die Kirche einzutreten, und während ich ihre Beweggründe dazu lese, sehe ich noch viel deutlicher, warum mein Weg in die ganz andere Richtung der richtige für mich war.

Irgendwann im letzten Jahrtausend hatte ich das komplette Defaultprogramm der evangelischen Kirche durchgezogen: Taufe, Konfirmation. Im Juli 2004 bin ich aus der Kirche ausgetreten.

Sogar Jugendarbeit in der Kirche habe ich gemacht. Allerdings hatte ich dort wenig mit christlichen Inhalten zu tun: Neben Sportvereinen war die Kirche in meinem kleinen Heimatkaff die einzige Institution, die Jugendlichen etwas zur Freizeitgestaltung anbieten konnte, und zum Glück hatten wir in der thematischen Gestaltung freie Hand: Billard, Kicker, politische und gesellschaftliche Themen, ab und zu mal Referenten. Das einzige, was wir mit Kirche zu tun hatten, waren die Räume und die Finanzierung unserer Arbeit.

Hätte man mich in dieser Zeit dazu verpflichtet, christliche Inhalte anzubieten, hätte ich wohl das Handtuch geworfen. Denn in den Gottesdiensten, die ich damals ab und an auch besuchte, kam mir diese Welt fremd vor. Den Trost und die Ruhe, die Anke in ihrem Eintrag beschreibt, fand ich dort nicht. Stattdessen erging ich mich während der Predigt in Betrachtungen und Überlegungen, wie seltsam es doch sei, daß der Mensch sich so eine höhere Macht sucht und so ein Brimborium drum veranstaltet.

Es scheint, ich bin eine bis ins Mark hoffnungslose Spötterin und eine zum Glauben gänzlich unfähige Lästerin…

Aber ich bin für klare Verhältnisse und wollte meine Zugehörigkeit zu diesem Verein schon lange ablegen. “Warte doch mal ab, wenn du Kinder hast, dann wirst du wollen, daß sie getauft sind!”, sagte man mir. Und: “In Kirchen kann man viel romantischer heiraten — nur Standesamt ist so nüchtern und sachlich.”

Zwar habe ich noch keine Kinder, aber derzeit erscheint mir der Gedanke verlockender, meine Kinder “heidnisch” (was für ein Wort!) zu erziehen, als ihnen eine Ideologie zu vermitteln, die nicht die Meinige ist.

Und meine Hochzeitspläne sind zum einen noch nicht konkret und schwanken zum anderen zwischen “große Party in Zivil” bis “mit einem Dutzend fein erlesener Gäste ein langes Wochenende lang in Island Geysire bestaunen”.

Eine weiß betüllte Towanda vor einem barocken Goldaltar kommt darin jedoch nicht vor.

Im Gegenteil: Der Trauschwur vor einer Macht, an die ich nicht glaube, deren Ambiente ich mir aber wegen der besseren Phototauglichkeit gewählt habe, kommt mir unheimlich verlogen vor. Eine Verlogenheit, mit der ich keinesfalls den Weg in ein gemeinsames Leben beginnen möchte.

Als meine Oma im Winter 2002 plötzlich starb und ich zur Beerdigung fuhr, dachte ich mir, daß man doch im Angesicht des Todes und der Trauer den Glauben als etwas Tröstliches wiederentdecken könnte. Wenn nicht hier, wann dann.

Doch als der Pfarrer von ihrem guten Leben nach dem Tod predigte, erschien wieder mein kleines spöttelndes Teufelchen auf meiner Schulter. Mir wurde klar, daß ich an ein Leben nach dem Tod nicht glaube. Es erscheint mir als vom Menschen ersonnenes Konstrukt, als Instrument, um mit der Trauer fertigzuwerden. Ein Instrument, das ich nicht benutzen kann, weil es sich für mich falsch anfühlt.

Mich tröstet es viel mehr, daß meine Oma für mich in meinen Erinnerungen lebendig bleibt. Daß ich noch immer kichern kann über Dinge, die meine Oma gemacht hat. Daß ich heute noch hemmungslos weinen muß, wenn ich an die Szene bei der Aussegnung denke.

Mein Weg aus der Kirche zeichnete sich also schon einige Jahre lang vor. Stellt sich die Frage, warum ich dennoch so lang damit gewartet habe. Nun, das ist eine Sache, wegen der ich mich ein wenig schäme.

Ich bin Sozialarbeiterin, und in diesem Berufsfeld gibt es viele kirchliche Träger und potentielle Arbeitgeber. Bei den meisten verbaut man sich die Chance auf Arbeit, wenn man seine Konfession ablegt. Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht nehmen. Diesen Zwiespalt “Ich bin nur wegen des Geldes in einem Verein, dessen Inhalte und Ziele ich nicht teile” empfand ich aber immer als belastend.

Erst drei Jahre nach Abschluß meines Studiums und Arbeit bei nichtkirchlichen Trägern habe ich den Schritt aus der Kirche gewagt. Inzwischen ist das gut ein Jahr her, und ich fühle ich viel freier damit. Keine Trittbrettfahrerei, die ich mit mir herumschleppe aus Gründen, die nichts mit den eigentlichen Zielen einer Kirche zu tun haben sollten.

Als ich meiner Mutter, die der Kirche auch nicht so nahe steht, aber Mitglied ist, von meinen Plänen zum Austritt berichtete und ihr meine Motivationen erzählte, meinte sie: “Bitte mach das nicht. Wenn es dir ums Geld (die Kirchensteuer) geht — ich kann dir das Geld geben.”

Sie hat es nicht verstanden.

Doch um ihren Verdacht zu entkräften, rechne ich mir jedes Jahr aus, was ich an Kirchensteuer gezahlt hätte und spende dieses Geld an gemeinnützige Organisationen, die ich mir während des ganzes Jahres schon aussuche.

3 Comments »

Kommentar von F_A:

“Warte doch mal ab, wenn du Kinder hast, dann wirst du wollen, daß sie getauft sind!”
Solche Aussagen machen mich wütend. Ich halte es für ein Unding, Kinder ohne ihren ausdrücklichen Wunsch zu taufen. Sowas sollte jeder für sich selbst entscheiden. Mit 14 können sie selbst ihre Religion und ggf. ihre Kirche wählen und sich taufen lassen. Unabhängig von der Konfession der Eltern.
Ich würde meine Kinder wahrscheinlich offen erziehen, ihnen so viele Religionen wie möglich nahe bringe, soweit mir das als Außenstehender möglich ist.

9.10.2005 um 18:36 |

Kommentar von towanda:

Ich finde diese “Zwangstaufe” auch seltsam und tendiere zu der offenen Erziehung, wie Du sie beschreibst (und bin mir ziemlich sicher, daß ich das mit Kindern noch genauso sehen werde).

Diese Säuglingstaufe und daß man den Wunsch danach hat, hat wohl damit zu tun, daß man die Kinder in irgendjemands Hand wissen will, falls sie sterben, bevor sie alt genug sind, um sich vor dem Jüngsten Gericht zu rechtfertigen. So wird es für mich zumindest rationell nachvollziehbar, daß man sich eine Säuglingstaufe wünscht. Jedoch bricht dieses Gedankengebäude in sich zusammen, wenn man den Glauben an ein Jüngstes Gericht bzw. an eine Höhere Macht generell wegnimmt.

12.10.2005 um 18:16 |

Pingback von Towandas Turbulenzen » BigBrotherAwards:

[…] ereinsmeierei entbehrte und mir auch Kandidaten für mein jährliches Spendenbudget (statt Kirchensteuer) aussuchen wollte, ging ich hin. Und verließ die Veranstaltung staunend und voll wohlwol […]

27.10.2005 um 21:59 |

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